Grappling und MMA im Andyconda Luta Livre

Andreas Schmidt, Diplom Sportwissenschaftler, ELLO Headcoach, Luta Livre Blackbelt seit 2001 (www.sportschule-koeln.de)

 

Als ich 2003 in Rio de Janeiro im Rahmen des SHOOTO BRAZIL in den Ring stieg, um ein Grapplingmatch zu bestreiten, wurde mir erst im Nachhinein die Ansage des Ringsprechers bewusst, der die Kämpfe unseres Teams ankündigte.

Er sagte sinngemäß etwas wie:“ … sehen wir nun vier Grapplingkämpfe. Grappling ist quasi die Vorstufe zum Vale Tudo.“

 

Super! Mit anderen Worten heißt das doch: „Du traust Dich noch nicht ganz ohne Regeln zu kämpfen, daher kannst Du jetzt mal ein bisschen Grappling zeigen!“

Das ist es für mich aber nicht. Und für viele meiner Mitstreiter ist es auch nicht nur eine Vorstufe zum Vale Tudo, sondern ein eigenständiger Sport, mit einem eigenständigen Reglement für Wettkämpfe.

 

Daher haben wir im Luta-Livre der ELLO (Europäische Luta Livre Organisation) auch ein Regelwerk bei den meisten Grapplingkämpfen, das keine Kampfzeitbegrenzung vorsieht und auch Positionen wie „Knee on Stomach“ nicht wertet…. – Aber darauf komme ich später zu sprechen, und werde auch die Zusammenhänge etwas anschaulicher darstellen.

 

 

Geschichtlicher Rückblick:

 

Grappling oder Submission Wrestling oder Luta-Livre Esportiva oder BJJ ohne Gi, sind viele Bezeichnungen für ein und dieselbe Disziplin. Hier geht es darum den Gegner durch rein ringerische Techniken zu dominieren und zur Aufgabe des Kampfes zu zwingen.

 

Seit den ersten UFC (Ultimate Fighting Championship) Veranstaltungen (1993), die das Vale Tudo (regellose Kämpfe) nach und nach in die Medien brachten, etablierte sich das brasilianische Jiu-Jitsu, durch die erfolgreiche Promotion der Familie Gracie, mehr und mehr in der westlichen Welt.

In Rio de Janeiro, der Heimat der Gracie Familie, gab es aber noch einen anderen Stil, der im Vale Tudo noch mehr Siege verzeichnete: Das Luta-Livre.

 

Die Luta-Livre Vertreter gewannen beispielsweise weit mehr Vale Tudo Kämpfe innerhalb der IVC (International Vale Tudo Championships), und anderen brasilianischen Veranstaltungen, noch vor dem UFC Zeitalter.

 

Durch den enormen Einfluss des amerikanischen Marktes auf unseren, schossen nach und nach auch auf unserem Kontinent immer mehr Schulen aus dem Boden, die sich Free Fight, oder BJJ auf die Fahne schrieben.

 

Mit der Entwicklung dieser Szene wurde immer klarer, dass dem Bodenkampf mit diesen Hebel- und Würgetechniken viel mehr Bedeutung zukam, als die meisten Vertreter der schlagenden und tretenden Stile es wahrhaben wollten.

 

 

Grappling in Deutschland

 

Gruppen von Grapplinginteressierten bildeten sich und lernten mangels fachlich autorisierten Lehrern von Videos oder durch Versuch und Irrtum einige Techniken des Grappling.

 

Ich hatte das große Glück, bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt (1995) einer Gruppe anzugehören, die zu dem damaligen Zeitpunkt einen der hochgraduiertesten Luta-Livre Lehrer als Trainer hatte. Durch sein Knowhow und durch einige Mitstreiter die ebenfalls Sport studierten, konnte ein Teil der Gruppe sehr schnelle Lernfortschritte machen.

 

Ich wurde 2001 zum Schwarzgurt im Luta-Livre, in Rio de Janeiro graduiert, und beschloss als Diplom-Sportwissenschaftler diesen Sport zu dem Ansehen zu führen, das er verdient.

 

Dies sollte zunächst durch Wissensvermittlung und Fortbildungen sowie regelmäßigen, strukturierten Unterricht beginnen.

 

Ich vereinte mein Wissen aus dem Sportstudium mit den sportlichen Details des Luta-Livre und konnte im Jahr 2005 erstmalig die Struktur der Basistechniken des Luta-Livre in Form unserer Seminarreihe „Luta-Livre Basics“ präsentieren.

 

Sie bilden seitdem die Ausbildungsgrundlage unserer Luta-Livre Lehrerschulung.

 

Diese Seminarreihe wurde schon bald von der ersten deutschsprachigen Lehr DVD unterstützt. Seit 2007 finden die Basisseminare nicht nur in Köln, sondern auch in Hamburg unter der Leitung von einem meiner Schüler und lizenziertem Lehrer statt.

 

All diese Arbeit und Zeit, die ich in die strukturelle Entwicklung des Luta-Livre investiert habe sowie der Kontakt zu enorm vielen Kampfsportschulen auf deutscher und internationale Ebene führte immer wieder zu der Auseinandersetzung mit dem Thema: Grappling und Vale Tudo.

 

In der bisherigen Seminarserie wird das Thema Vale Tudo in 2 Seminaren behandelt. Hier werden die wichtigsten Modifikationen des Luta-Livre Esportiva, also dem Grappling zum Vale Tudo gezeigt.

 

Das Vale Tudo bildet den Ursprung des Luta Livre. Wenn man noch manch einem Brasilianer heutzutage erzählt, dass man Luta Livre betreibt, wird er häufig Vale Tudo mit blanken Fäusten assoziieren und mit den Augen rollen.

 

Aus dem Luta Livre Vale Tudo entwickelte sich mit den Jahren das Luta Livre Esportiva. Zunächst als Trainingsform gedacht, in der man mit 100 % Vollkontakt mit den gleichen Mitteln (blanke Hände) kämpfen kann, die man auch im Vale Tudo zur Verfügung hat. - Jeder Faustschutz und sei er noch so dünn, hat immer Einfluss auf den Kampfverlauf und die eingesetzten Techniken.

 

Mittlerweile gibt es eigenständige Regelwerke für diese Grapplingkämpfe und sie wurden durch das Engagement des Abu Dhabi Combat Club enorm gepuscht.

 

Dennoch tauchen in den meisten Regelwerken immer wieder Positionen auf, die durch Punktvergabe gefördert werden. Diese Positionen sind jedoch eher im Vale Tudo beheimatet als im Grappling. So wird im Regelwerk des ADCC immer noch die Knee on Stomach Position bepunktet, obwohl ihre Bedeutung als Kontrollposition im Grappling eher untergeordnet ist. Im Vale Tudo hingegen, verbunden mit Schlägen, ist Ihr Einsatz durchaus berechtigt und auch eine Abwehr oder Befreiung sollte trainiert werden.

 

Hier liegt der Verdacht schon nahe, dass das Grappling bei dieser Wertung tatsächlich nur eine Vorform des Vale Tudo darstellt…

 

Ist es eventuell ganz anders? Ist das Grappling vielleicht die eigentliche Weiterentwicklung des Vale Tudo?

 

Man könnte ja schlussfolgern, dass Schläge und Tritte zu sehr von „Lucky Punches“ abhängen und dass der bessere Kämpfer stets der bessere Grappler ist, da er sich Techniken bedient die 100% wirksam sind und deren Einsatz strategisch geplant werden kann.

 

In der Grapplingdistanz sind Schläge meist unwirksam und reduzieren enorm die Energieressourcen des eigenen Körpers. Ein Austausch von Schlägen birgt somit weit mehr das Risiko selbst verletzt zu werden.

 

- Gewagte These, oder tatsächlich mal einen Gedankengang wert? Wer weiß?

 

Fakt ist, dass Schläge und Tritte alleine nicht reichen um einen Vale Tudo Kampf zu bestehen.

 

Letzten Endes müssen im Vale Tudo beide Elemente Schläge/Tritte als ein Element und das Grappling als das andere Element beherrscht werden. Eines ohne das andere limitiert den Kämpfenden.

 

 

In Zukunft wird auch im Andyconda Luta Livre das Vale Tudo noch mehr eingebunden werden. Sowohl im Training als auch im Wettkampf.

 

Die Planungen dafür laufen bereits auf Hochtouren. Seminarserien speziell für das Vale Tudo, die Prüfung zur Vale Tudo Wettkampfreife, Klasseneinteilung in Wettkampfklassen und noch einiges mehr, sind Projekte, die zur Sicherheit der Kämpfer und zur Sicherung der Qualität des Vale Tudo in der ELLO beitragen werden.

 

Das Subbattle Label wird noch in diesem Jahr um den Zusatz MMA bereichert und wird auch für diesen Sektor Einsteigern die Möglichkeit bieten wertvolle erste Sparringserfahrungen und Wettkampferfahrungen zu sammeln.

 

Ob das Grappling nun die Vorstufe oder sogar die Weiterentwicklung des Vale Tudo ist, diese Frage muss anscheinend jeder für sich selber beantworten.

 

 

Ich bin froh, dass ich im Andyconda Luta-Livre beides, das Grappling und das Vale Tudo, miteinander vereint finde. Dadurch kann ich je nach Lust, Laune und Tagesform einfach alles machen was mir Spaß macht! – Und so soll es doch sein, oder?

 

In diesem Sinne: Keep the flow!

 

 

Andy

 

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